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Unterrichtsforum

E-Mail und Chat: Ablenkung, Nutzen?

Dr. Ulf Schuetze
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Der folgende Aufsatz befasst sich mit dem Einsatz neuer Medien, insbesondere E-Mail und Chat, in einem Deutschkurs, der an der University of Victoria in British Columbia (Kanada) in Zusammenarbeit mit der Christian-Albrechts Universität zu Kiel im Wintersemester 2006 stattfand. Es wurde der Frage nachgegangen, inwieweit Studenten diese zwei Medien dazu benutzten, sich über persönliche Dinge zu unterhalten anstatt sich mit der Thematik zu befassen, die in dem Kurs in der jeweiligen Woche vorgegeben war.

Das sogenannte „Abschweifen vom Thema“ ist in Studien, die sich mit dem Einsatz neuer Medien im Fremdsprachenunterricht beschäftigen, erwähnt, jedoch nie näher untersucht worden. Das „Abschweifen vom Thema“ kann sowohl positiv wie negativ betrachtet werden. Arbeiten, die sich mit der Motivation beschäftigen, führen an, dass gerade neue Medien dazu dienen, Fremdsprachenlernern die Angst vor dem Fremdsprachenlernen zu nehmen. In einer Studie, die an der University of British Columbia in Vancouver von Valia Spiliotopoulos und Stephen Carey im Jahr 2005 durchgeführt wurde, nahmen achtzehn Studenten aus zwölf verschiedenen Ländern an einem Fremdsprachenkurs Englisch teil, der mit Hilfe der Platform WebCT (Web Course Tools) unterrichtet wurde. Die Studenten waren über das Internet miteinander verbunden und hatten so Zugang zu dem Kurs. Eine der Aufgaben bestand darin, ein wöchentliches Tagebuch zu schreiben. Alle Einträge wurden von den Lernern auf die Kursseite gestellt, so dass jeder Kursteilnehmer die Einträge lesen konnte. Jeder Kursteilnehmer konnte so jedem anderen Kursteilnehmer Rückmeldung geben und gleichzeitig Rückmeldung erhalten. Am Ende des Kurses wurden von Spiliotopoulos und Carey Interviews mit den Kursteilnehmern durchgeführt, in denen die Teilnehmer dazu befragt wurden, worin sie die Unterschiede zwischen dieser Art des Fremdsprachenlernens, d.h. mit Hilfe neuer Medien, und des herkömmlichen Fremdsprachenlernens sahen. Mehrere Studenten antworteten, dass die neuen Medien ihnen erlaubten, die Fremdsprache Englisch zu üben, ohne dabei Angst zu haben, Fehler zu machen. Die Gesichtslosigkeit der neuen Medien, d.h. die Kommunikation ohne den Kommunikationspartner zu sehen, kam diesen Studenten entgegen:

the Internet, and computer-assisted classroom discussion (CACD) in particular, provides more opportunities for self-expression in the target language than a traditional, face-to-face learning community. (S. 91) [das Internet und insbesondere die mit Hilfe des Computers geführte Diskussion (CACD) eröffnen mehr Möglichkeiten, sich in der Zielsprache auszudrücken, als in einer herkömmlichen Klassenzimmergemeinschaft, in der man sich ins Gesicht sieht.]

An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass es in vielen asiatischen Kulturen sehr wichtig ist, ein Gespräch so zu führen, dass der Kommunikationspartner immer die Möglichkeit hat, sein Gesicht zu wahren; ein Beispiel, welches Susanne Weber in ihrem Buch Intercultural Learning as Identity Negotiation (2004) beschreibt. Weber betrachtet kulturelle Unterschiede als Chance, etwas über die andere Kultur zu lernen. Zu diesem Zweck hat sie eine Studie an zwei Berufschulen in Deutschland durchgeführt, in denen Studenten die Aufgabe erhielten, eine Lösung zu finden, um eine Ölplattform zu entsorgen. Studenten bekamen Rollenkarten, in denen die Eigenschaften des Kulturkreises, den sie in der folgenden Diskussion repräsentierten, genannt wurden. Auf diese Art mussten sich Studenten in die Rolle einer anderen Kultur hineinversetzen, deren Standpunkt vertreten und anhand eines konkreten Problems eine Lösung zu einer Konfliktsituation finden.

Dies wäre auch eine interessante Übung für den Fremdsprachenunterricht Deutsch. In diesem Zusammenhang sollte das vor kurzem erschienene Buch Language and Culture: Global Flows and Local Complexity (2006) von Karen Risager diskutiert werden. Karen Risager stellt in ihrem Buch die Beziehung von Sprache zur Kultur aus soziolinguistischer und psycholinguistischer Perspektive dar. Der Ausdruck Global Flows bezieht sich auf die Sprache als solche. Deutsch wird überall auf der Welt gesprochen, zum Teil von Muttersprachlern, die in einem anderen Land wohnen oder es besuchen, oder von Nicht-Muttersprachlern, die Deutsch gelernt haben. Der Ausdruck Local Complexity bezieht sich auf die konkrete Lernsituation. Risager unterrichtet an der Roskilde Universität in der Nähe von Kopenhagen und ihre Beispiele kommen aus dem Deutschunterricht in Dänemark. Im Fremdsprachenunterricht Deutsch in Dänemark haben wir es mit Lernern verschiedener Herkunft und Muttersprachen zu tun. Laut Risager ist somit die Lernsituation für jeden Lerner individuell verschieden. Neue Medien können dabei helfen, allen Lernern Material zugänglich zu machen, welches aus dem Land der Zielsprache stammt.

Die Ergebnisse der Studie von Spiliotopoulos und Carey (2005) sind von einer weiteren Studie zur Motivation, die von Van Deusen-Scholl, Frei, und Dixon (2005) im Fremdsprachenunterricht Deutsch in Nordamerika durchgeführt wurde, bestätigt worden. Van Deusen-Scholl, Frei, und Dixon haben in dem Anfänger- und Fortgeschrittenenunterricht Deutsch als Fremdsprache an der University of Pennsylvania neue Medien, insbesondere E-Mail, Chat und Wimba, benutzt, um den Unterricht zu gestalten. Van Deusen-Scholl, Frei, and Dixon beobachteten:

Students tend to be more actively engaged in an online setting and share more of the responsibility for their learning … and become partners in the construction of knowledge and learning tasks. (S. 672). [Studenten neigen dazu sich in einem online setting aktiver einzubringen und dabei mehr Verantwortung für ihr Lernen zu zeigen … sie werden in dem Aufbauvon Wissen und Aufgaben Partner.]


Interessanterweise haben sich Van Deusen-Scholl, Frei, und Dixon dabei u.a. auf Studien bezogen, die sich mit dem Erwerb von grammatischen Strukturen mit Hilfe neuer Medien befassen. Das ist insofern interessant, da diese Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sind. Die Studien von Julie Belz haben gezeigt, dass der Einsatz neuer Medien dazu dienen kann, Grammatiklernen effektiver zu gestalten. Die Studien von Belz wurden in einem Kurs durchgeführt, in dem Studenten einer amerikanischen Universität Deutsch lernten und zu diesem Zweck mit Studenten einer deutschen Universität, die Englisch lernten, per E-Mail und Chat in Verbindung standen. Die Idee, die dahintersteckte, war, dass Studenten voneinander lernen. Julie Belz (2004) untersuchte den Gebrauch von da-compounds (damit, dazu, dagegen, usw.) und zusammen mit ihrer Kollegin Nina Vyatkina (2005) den Gebrauch von Modalpartikeln. Beide Studien berichteten, dass die Studenten im Laufe des Kurses diese Strukturen immer häufiger benutzten und dabei immer weniger Fehler machten. Dieses Ergebnis bezog sich dabei ausschließlich auf die Schriftsprache, da die Kommunikation per E-Mail und Chat nur schriftlich stattfand.

Zwei andere Studien in diesem Bereich kamen jedoch zu anderen Ergebnissen. Julie Sykes (2005) untersuchte drei Lerngruppen im Spanischunterricht an der Arizona State University. Jede der drei Gruppen lernte in einer anderen Situation Spanisch: Die Lernsituation der ersten Gruppe bestand aus einem herkömmlichen Klassenzimmer, in dem sich die Studenten gegenübersaßen und diskutierten. Die Lerner der zweiten und dritten Gruppe benutzten dagegen Chat als neues Medium; die zweite Gruppe benutzte es, um schriftlich zu kommunizieren, die dritte Gruppe, um mündlich zu kommunizieren. Die Lerner der drei Gruppen hatten die gleiche Aufgabe: sie mussten eine Einladung so höflich wie möglich ablehnen. Sykes untersuchte die Dialoge der Studenten und stellte fest, dass die zweite Gruppe die Aufgabe am erfolgreichsten gelöst hatte. Die Unterschiede zu den anderen zwei Gruppen waren jedoch minimal.

Ähnlich wenig aufschlussreich waren die Ergebnisse der Studie von Jean Marie Schultz (2000) zum Französischlernen in Berkely. Schulz hatte vier Gruppen untersucht. Zwei Gruppen benutzten ein Computerprogramm (Interchange), um ihre Aufsätze auf Französisch zu schreiben. Das Programm hatte den Vorteil, dass andere Studenten die Aufsätze per Computer korrigieren konnten. Die zwei anderen Gruppen schrieben die Aufsätze ohne Computerprogramm und die Korrektur durch andere Studenten fand ebenfalls ohne Computerprogramm statt. Schultz untersuchte die korrigierten Aufsätze in den Bereichen Grammatik, Inhalt, Stil und Organisation. Sie konnte jedoch zwischen den Gruppen keine nennenswerten Unterschiede feststellen.

Sowohl Sykes als auch Schultz führten in ihrer Zusammenfassung auf, dass Studenten durch E-Mail, Chat und Interchange abgelenkt waren und sich nicht auf die Aufgaben konzentrierten. Es stellt sich die Frage, wie nützlich solche neuen Medien im Fremdsprachenunterricht sind. Wenn man die genannten Studien zusammenfasst, kann man Folgendes feststellen. Es gibt Belege, dass E-Mail und Chat Studenten motivieren und ihnen die Möglichkeit bieten, die Zielsprache zu üben, ohne Angst vor Fehlern zu haben. Fehler werden allerdings trotzdem gemacht. Darüberhinaus besteht die Gefahr, dass Studenten abgelenkt werden. Wie verhält es sich mit der Ablenkung oder dem Nutzen neuer Medien im Fremdsprachenunterricht Deutsch? Um dieser Frage nachzugehen, wurde an der University of Victoria in Victoria (Kanada) in Zusammenarbeit mit der Christian-Albrechts Universität zu Kiel (Deutschland) eine Studie durchgeführt, in der Studenten per E-Mail und Chat schriftlich miteinander kommunizierten. Die Unterrichtssprachen waren dabei Deutsch und Englisch, da die Studenten an der University of Victoria Deutsch lernten und die Studenten an der CAU Kiel Englisch studierten.


E-Mail und Chat im Unterrichtsbeispiel
Der Austausch zwischen den Deutschstudenten an der University of Victoria und den Englischstudenten an der CAU Kiel fand im Oktober und November des Wintersemesters 2006 statt. Dies hatte organisatorische Gründe, da die Semester in Nordamerika und Deutschland zu unterschiedlichen Zeiten beginnen und enden. Die kanadischen Studenten hatten bereits drei Jahre Deutsch studiert; die deutschen Studenten befanden sich im mindestens 5. Semester. Insgesamt beteiligten sich 24 Studenten an der Studie: zwölf in Victoria und zwölf in Kiel. Durch einen Fragebogen war zuvor sichergestellt worden, dass die Muttersprache der Studenten in Victoria auch tatsächlich Englisch und die Muttersprache der Studenten in Kiel Deutsch war.
Das Kursmaterial bestand aus kurzen Videos, MP3-Hörtexten, Zeitungsartikeln und Photographien, die auf die Kursseite geladen wurden. Dazu wurde die Plattform WebCT benutzt, die an beiden Universitäten zur Verfügung stand. Die Kursseite war durch ein Passwort geschützt, sodass nur Kursteilnehmer Zugriff auf das Kursmaterial hatten. Die Kommunikation fand ebenfalls über WebCT statt. Auf der Kursseite wurden zwei Kommunikationsmodule eingerichtet: E-Mail und Chat. Die Studenten bekamen die Aufgabe, jede Woche mindestens fünf E-Mails zu schreiben. Dabei hatten sie 48 Stunden Zeit, um auf eine E-Mail eines anderen Studenten zu antworten. Der Chat war live. Jeden Freitag wurden vier Chatrooms zur Verfügung gestellt: von 8 bis 9, von 9 bis 10, von 10 bis 11 und von 11 bis 12 Uhr Pacific Time was 17 bis 18, 18 bis 19, 19 bis 20, 20 bis 21 Uhr MEZ entsprach. So hatte jeder Student Zeit, sich in den Chat einzuklinken.

Die Themen, die diskutiert wurden, waren aufeinander abgestimmt. Im E-Mail-Austausch waren dies: ‘Das Wunder von Bern’ (auf Deutsch); Hiking in British Columbia (auf Englisch); ‘Ein Haus mit Garten’ (auf Deutsch); Foreign Language Learning in Victoria (auf Englisch). Im Chat: ‘Die Fussballweltmeisterschaft 2006’ (auf Deutsch); Camping in British Columbia (auf Englisch); ‘Schrebergarten’ (auf Deutsch); Bilingualism (auf Englisch).

Die Professoren beider Universitäten versuchten, der Kommunikation freien Lauf zu lassen, indem Fragen zu dem jeweiligen Thema am Anfang der Woche gestellt wurden und die Studenten dann Zeit hatten, darüber zu diskutieren. Den Studenten wurde allerdings mitgeteilt, dass die Professoren die Dialoge verfolgen und gegebenenfalls eingreifen. Allerdings geschah dies im Laufe des Kurses nur selten. Die Dialoge entwickelten schnell eine Eigendynamik, die sich positiv in reger Beteiligung der Studenten ausdrückte. Am Ende der Woche fassten die Professoren dann die Diskussion zusammen.
Am Ende des Kurses wurden die Dialoge der Studenten ausgewertet. WebCT speichert jede E-Mail und jede Chat-Kommunikation. Die Dialoge wurden anhand von Kriterien ausgewertet, die zusammen mit den Studenten erarbeitet wurden. So wurde zwischen zwei Kategorien unterschieden: DKM (Diskussion des Kursmaterials. Kriterien: Ist in der Diskussion auf das Kursmaterial eingegangen worden? Wurde das Kursmaterial kritisch betrachtet? Sind zum Kursmaterial Fragen gestellt worden?) und PK (Persönliche Kommunikation. Kriterien: Ist in der Diskussion Persönliches zur Sprache gekommen? Sind Beispiele aus dem eigenen Leben oder dem Leben eines Bekannten genannt worden? Sind persönliche Fragen gestellt worden?).


Ergebnisse
Die Themen ‘Das Wunder von Bern’ und ‘Die Fussballweltmeisterschaft 2006’ wurden am intensivsten diskutiert, weswegen sich die Auswertung der Daten auf diese beiden Themen konzentrierte. Die folgende Tabelle zeigt die Unterschiede zwischen E-Mail und Chat:


Tabelle 1:
E-Mail Chat
_____________________________________________________________________

Nachrichten		174			912
Wörter			3612			10876
Ratio			20.76			11.92
PK			256 (7.08%)		1412 (12.98%)


Die Zahlen in dieser Tabelle zeigen, dass Studenten im Chat sich öfter beteiligten (10.876 Wörter in 912 Nachrichten) als beim E-Mail-Austausch (3612 in 174 Nachrichten), die Dialoge kürzer waren (Chat: 11.92 Wörter pro Nachricht; E-Mail: 20.76 Wörter pro Nachricht) und sie sich öfter über persönliche Dinge unterhielten. Dies lag u.a. daran, dass Chat eher einer mündlichen Kommunikation ähnelt als ein E-Mail-Austausch, wie Heidi Shetzer und Mark Warschauer in einer Umfrage zu neuen Medien im Fremdsprachenunterricht (2000) sowie Sykes (2005) in ihrer bereits erwähnten Studie berichtet haben. Interessant ist das Ergebnis, dass der Anteil der persönlichen Kommunikation in der Diskussion sowohl im E-Mail-Austausch mit 7.08% als auch im Chat mit 12.98% eher gering ausfiel.


Ein Beispiel:

Dialog 1
5   UVic Student: Weil es des ersten mal war dass deutschland,
als ein Staat, gewonen hat. Und es hatte nichts mit Nazismus
zu tun. Entlich koennte Deutschland einer moderne, akzeptierte
Staat werden, und weg vom Kreig bewegen.

10

  UKiel Student: Der Artikel sagt, dass am 4. Juli 1954
"hat Deutschland zum ersten Mal nach dem Krieg wieder
triumphiert. Sepp Herberger und Fritz Walter waren
die ersten Deutschen nach Goebbels und Hitler, denen
das Volk wieder zujubelte." Das neue Deutschland
15  

war selbständig und hatte eine neue Identität.

UVic Student: Es war die erste mal wo Deutschland
triumphiert hat nach den Krieg. Die waren alle stotz
Deutsch zu sein, und es hatte nichts zu tun mit Hitler
oder Nazis. Ein riesig Moment fuer die deutsch Volk,

20   und meistens interresieren sich viel mehr fuer Fussball
als Politik so wie so.

UKiel Student: Es war ein Ereigniss, dass das Volk
bewegte. Mein Großvater erzählt heute noch davon.
Er hat es am Radio gehört. Fernsehen gab es wohl
25   damals nicht.

UVic Student: Wie alt ist deine Großvater? War er
eine Fussballfan?

UKiel Student: Ich weiss nicht, was sein Lieblings-
verein war. Aber das war nicht wichtig. Damals
30   hat jeder der deutschen Mannschaft die Daumen
gedrückt. So wie wir das in dem Film gesehen
haben. Die Wirtschaft ging wieder voran, die letzten
Kriegsgefangenen kamen aus Russland zurück,
die Leute hatten wieder Hoffnung.
     
     

Die beiden Studenten diskutierten zunächst das Material (Zeilen 3-5, 6-10, 12-16, 27-29). Der Kieler Student erwähnte dann seinen Großvater (Zeilen 19-21, 24-25), worauf der Student aus Victoria einging und zwei persönliche Fragen stellte (Zeilen 22-23). Anschließend kamen sie jedoch wieder auf das Kursmaterial zu sprechen (Zeilen 27-30). Dies war ein Schema, welches in den E-Mail Dialogen sehr oft vorkam.
Wie bereits angesprochen, sahen die Dialoge im Chat anders aus. Die beiden Studenten, deren Beispiel aus dem E-Mail-Austausch hier gezeigt wurde, unterhielten sich im Chat folgendermaßen über die Fussballweltmeisterschaft in Deutschland:

Dialog 2
5   UKiel Student: Die WM war toll. Es hat sich viel geändert.
Alle haben gefeiert.

UVic Student: Ich habe das Fernsehen gesehen. Es
muss einen tolle Stimmunge sein.

UKiel Student: Ja! Es gab ein Gemeinschaftsgefühl. Wir

10

 

haben gespannt auf der Großleinwand jedes Spiel
verfolgt. Und gesungen und gejubelt. Ich hatte
Gänsehaut!

UVic Student: Hast du eine Fahne geweht?

UKiel Student: Ja! Und ich hatte auch Fan-schminke!

15   UVic Student: Ich hätte lieben da sein.

UKiel Student: Das tolle war, dass es so was noch
nie gab. Aus historischen Gründen. Mit dem Krieg
und den Nazis durfte danach nie gejubelt werden
Wir haben sogar auf der Strasse getanzt.
20   UVic Student: Ich glaube, Deutschland hat ein
positives Image jetzt. Ich hoffe, du bist jetzt
immer stolz.

UKiel Student: Ja, ich bin stolz, Deutsch zu sein.
Hätte ich nie gedacht. Und ich habe jedes Mal die
25   Nationalhymne gesungen!

UVic Student: Kannst du singen? Ich singe in
der Oper.

UKiel Student: In der Oper? Das ist ja toll!

UVic Student: So ich fange an, Deutsch studieren.
30   Aber jetzt ich mag das Land, die Leute,
alles!

UKiel student: Warst du schon mal in Deutschland?

UVic student: Nein, aber ich will.

UKiel student: Was für Musik hörst du?
     
     


In diesem Dialog wurden viele persönliche Dinge angesprochen: auf der Strasse tanzen (Zeile 15), Fanschminke (Zeile 10), bei der Nationalhymne mitsingen (Zeile 21). Dies lag u.a. an dem Thema. Diese persönlichen Erfahrungen wurden aber mit dem Kursmaterial in Zusammenhang gestellt: das Gemeinschaftsgefühl (Zeile 5), der Krieg als Grund, dass vorher nicht gefeiert wurde (Zeile 13, 14). Am Ende des Dialogs sprachen die beiden Studenten dann über Dinge, die nichts mit dem Thema zu tun haben: Warst du schon mal in Deutschland? (Zeile 28); Was für Musik hörst du? (Zeile 30). Im Chat kamen persönliche Dinge öfter zur Sprache als im E-Mail-Austausch. Insgesamt war der Anteil jedoch gering. Interessant war hier die Einbeziehung von persönlichen Dingen in Hinblick auf das Thema.

Zusammenfassung
Die Ergebnisse dieser kleinen Studie zeigen, dass die neuen Medien E-Mail und Chat, die in einem Fremdsprachenkurs eingesetzt werden, Lerner nicht so stark ablenken, wie das bisher angenommen wurde. Im Gegenteil, Studenten nutzten diese Medien, um sich über persönliche Dinge zu unterhalten, was sich positiv auf die Diskussion auswirken kann. Dies bezieht sich nicht nur darauf, dass Studenten die Chance nutzen, die Zielsprache zu üben, sondern persönliche Erfahrungen konkret in das Thema einbeziehen. Als Koordinator, Lehrer, Assistent oder Professor eines Fremdsprachenkurses kann ich neue Medien durchaus einsetzen und nutzen, ohne befürchten zu müssen, dass die Studenten zu sehr vom Thema abschweifen. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass die Interaktion zwischen den Studenten in Victoria und Kiel sehr ähnlich war, d.h. es gab keine nennenswerten Unterschiede in der Art und Weise, wie die Studenten E-Mail und Chat benutzt haben.






















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Shetzer, Heide; Warschauer, Mark (2000), An electronic literacy approach to network-based language teaching. In: Warschauer, Mark; Kern, Richard: Network-Based Language Teaching: Concepts and Practice. Cambridge: Cambrige University Press: 171-185.

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Spiliotopoulos, Valia; Carey, Stephen (2005), Investigating the role of identity in
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